Kulturindustrie: Unterhaltungsprodukte für die Masse und ihre Folgen

Die modernen Medien, mehr noch als herkömmliche Ausdrucksformen von Pamphlet bis Roman, lassen die Grenzen zwischen Kultur und Public Relations verschwimmen. Eine Erscheinung dieses Trends sind die sogenannten Influencer. Doch um dieses und verwandte Phänomene zu verstehen, kann die klassische Lektüre eines Buches helfen. So hat art deli mal geblättert und nicht gewischt – und zwar in Adornos “Gesammelten Schriften”* – eine Rezension.

“Résumé über Kulturindustrie” – warum sie keine Massenkultur ist

Das Wort Kulturindustrie dürfte zum ersten Mal in dem Buch “Dialektik der Aufklärung” verwendet worden sein, das Horkheimer und ich [Theodor W. Adorno, Anm. art deli] 1947 in Amsterdam veröffentlichten. In unseren Entwürfen war von Massenkultur die Rede.

Doch, so hält Adorno im Folgenden fest, es handelt sich bei der Kulturindustrie nicht um Massenkultur, im Sinne von Kultur für die Massen oder Volkskunst.

Von einer solchen unterscheidet Kulturindustrie sich aufs äußerste.

Liest man weiter, wird schnell klar: Kulturindustrie ist gefährlicher als Massenkultur, gerade weil sie als harmlos(er) daherkommt.

Das Wort Massenmedien, das für die Kulturindustrie sich eingeschliffen hat, verschiebt bereits den Akzent ins Harmlose.

Doch warum ist sie es nicht? An erster Stelle (und hier lässt sich an die sogenannten Influencer denken): weil die Industrie Kulturwaren hervorbringt. Als Waren sind sie weniger der Kultur denn dem Profit verpflichtet. Doch auf der Stufe der Kapitalismuskritik bleibt Adorno nicht stehen. Er geht weiter:

An den Mann gebracht wird allgemeines unkritisches Einverständnis, Reklame gemacht für die Welt, so wie ein jedes kulturindustrielles Produkt seine eigene Reklame ist.

Mit Industrie ist also nicht die verarbeitende Industrie im Sinne von Fabrik gemeint. Der Begriff …

… bezieht sich auf die Standardisierung der Sache selbst […].

Das fertige Produkt “erweckt den Anschein” von einer “Zufluchtsstätte von Unmittelbarkeit und Leben”.

Doch wie funktioniert das eigentlich?

Ihre Ideologie bedient sich vor allem des von der individualistischen Kunst und ihrer kommerziellen Exploitation erborgten Starsystems. Je entmenschlichter ihr Betrieb und ihr Gehalt, um so emsiger und erfolgreicher propagiert sie angeblich große Persönlichkeiten und operiert mit Herztönen.

Solche Stars und Persönlichkeiten sind unsere Promis in Kategorien von A bis Z sowie die Influencer. Letztere kann Adorno noch gar nicht auf dem Schirm gehabt haben. Doch er scheint seiner Zeit voraus zu sein. Die harmlose, als Advertorial getarnte Werbung scheint nämlich nicht nur ein Profitmotiv zu verfolgen. Sie gibt auch Ratschläge. Vielleicht hat das auch etwas Gutes?

Mittlerweile ist es unter Kulturpolitikern, auch Soziologen üblich geworden, unter Hinweis auf die große Wichtigkeit der Kulturindustrie für die Bildung des Bewußtseins ihrer Konsumenten davor zu warnen, sie zu unterschätzen.

Sie nicht zu unterschätzen sollte jedoch nicht bedeuten, sie und ihren Inhalt nicht kritisch zu hinterfragen.

Um ihrer sozialen Rolle willen werden lästige Fragen nach ihrer Qualität, nach Wahrheit oder Unwahrheit, nach dem ästhetischen Rang des Übermittelten unterdrückt.

Wer dies dennoch tut, wird schnell als “arrogant” abgestempelt. Dabei gilt es,

[die Kulturindustrie] kritisch ernst [zu] nehmen, nicht vor ihrem Monopol sich [zu] ducken.

Wer jedoch mit der Kulturindustrie ins Gericht geht, muss sich auf ein unfaires Verfahren einstellen. Der Schein trügt gewissermaßen. So liegt doch über der Belanglosigkeit der Kulturindustrie stets der Schleier des Harmlosen. Diesen herunterzureißen, ist gar nicht so einfach.

All das jedoch sei harmlos und überdies demokratisch, weil es der freilich erst angekurbelten Nachfrag gehorche.

Ganz anschaulich illustriert dieses Phänomen der Film “Free Rainer”*. Das stupide Reality-Show-Fernsehen kommt im Streifen sicher keinem Bildungsauftrag nach, doch es erfreut sich reger Einschaltquoten. Der folgende Kurzschluss läge nahe: Wenn die Einschaltquoten stimmen, dann wollen die Menschen das Programm. Doch wie der Wolf zum Hunde wurde, hat man das Bewusstsein der Menschen nur lang genug mit solchem Content beschossen. “Bildungsfernsehen” erzählt sich einfach nicht mehr.

Man denke nur daran, wie sich unser Schauverhalten über die Jahrzehnte verändert hat! Früher sind Menschen panisch aus den Kinosälen geflüchtet, als ein Zug auf der Leinwand, in einen Bahnhof einfahrend, scheinbar auf das Publikum zuraste. Heute sitzen wir entspannt im Filmpalast mit immer realistischer anmutenden 3D-Effekten. Ein Gewöhnungseffekt ist eingetreten. Warum soll dies in Sachen Reality Shows und Influencern anders sein?

Man darf annehmen, daß das Bewußtsein der Konsumenten selbst gespalten ist zwischen dem vorschriftsmäßigen Spaß, den ihnen die Kulturindustrie verabreicht, und einem nicht einmal sehr verborgenen Zweifel an ihren Segnungen. Der Satz, die Welt wolle betrogen sein, ist wahrer geworden, als wohl je damit gemeint war.

Doch die Heilslehren und Wohlfühlbotschaften aus den Kanälen schaffen keine Abhilfe, heilen nicht und fühlen sich weniger gut an, als sie aussehen.

Sie geben den Menschen in einer angeblich chaotischen Welt etwas wie Maßstäbe zur Orientierung, und das allein schon sei billigenswert. Was sie jedoch von der Kulturindustrie bewahrt wähnen, wird von ihr desto gründlicher zerstört. […] Die Ordnungsbegriffe, die sie einhämmert, sind allemal solche des status quo. […]Anpassung tritt kraft der Ideologie der Kulturindustrie anstelle von Bewußtsein.

So wird Kulturindustrie zum Mahlstein der Gleichmacherei.

Das Einverständnis, das sie propagiert, verstärkt blinde, unerhellte Autorität.

Deutlich wird dies heutzutage nicht zuletzt anhand der Sprache. Es wird nicht einfach “zugeschaut” und “mitgelesen”, sondern Influencern “folgt” man auf diversen Kanälen.

Im Nachhall von Führer- und Personenkult greift auch Adorno auf ebendieses Wort zuück und schreibt, dass Leute “Prominenten Persönlichkeiten folgen”. Schon diese Sprache drängt uns dazu, Lemminge zu werden.

Der Gesamteffekt der Kulturindustrie ist der einer Anti-Aufklärung […]. Sie verhindert die Bildung autonomer, selbstständiger, bewußt urteilender und sich entscheidender Individuen. Die aber wären die Voraussetzung einer demokratischen Gesellschaft, die nur in Mündigen sich erhalten und entfalten kann.

In der Folge werden Menschen von der Kulturindustrie zu Massen gemacht, die sie “dann verachtet”.

Umso wichtiger ist Dein Beitrag zu einer bewusst kritischen Reflexion von Gesellschaft, Politik und Kunst. Sende Deine geschriebenen, gemalten, gezeichneten, gefilmten oder komponierten Werke ein und mach mit auf art deli! Gemeinsam schaffen wir etwas Schönes fernab der Kulturindustrie – trotz modern medialen Outputs. Denn das World Wide Web, mit seiner Reichweite, birgt auch eine Chance. Wir können andere Inhalte hervorbringen, genau so wie in “Free Rainer” ein anderes Fernsehen möglich ist.

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